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Lebenszyklus und Kreislaufwirtschaft: Nachhaltigkeit neu gedacht

30. März 2026 | 

Der Bahntransport gilt im Vergleich zur Straße als sicherer und umweltfreundlicher. Mit der zunehmenden Umstellung auf E-Mobilität entsteht jedoch eine neue Herausforderung: den ökologischen Vorteil der Bahn langfristig zu sichern und weiter auszubauen. Welche Rolle spielen dabei Lebenszyklusdenken und Kreislaufwirtschaft? Christian Aichberger, Experte im Bereich Nachhaltigkeit bei voestalpine Railway Systems, gibt Einblicke, wie diese Themen ganzheitlich betrachtet und in konkrete Lösungen umgesetzt werden.

Herr Aichberger, Nachhaltigkeit wird oft auf CO₂-Reduktion oder Energieeinsparung reduziert. Wie verstehen Sie Nachhaltigkeit im Kontext von voestalpine Railway Systems?

Es stimmt, viele denken bei Nachhaltigkeit zuerst an Energieeinsparung oder CO2-Reduktion. Dabei ist es ein sehr breit gefächertes Thema. Im Systemansatz von voestalpine Railway Systems ist Nachhaltigkeit die Summe aus verschiedenen Komponenten. Nachhaltigkeit hat für uns drei Ebenen: die ökologische, die soziale und die ökonomische. Wir sprechen also nicht nur über Umweltaspekte, sondern auch über gesellschaftliche Verantwortung und Wirtschaftlichkeit. Denn wenn Lösungen beispielsweise nicht wirtschaftlich sind, entsteht ebenfalls eine Problematik.

Was bedeutet der Systemgedanke bei voestalpine Railway Systems konkret für Gleissysteme?

Als Fahrgast sehen wir meist nur die Schiene. Aber ein Gleissystem besteht aus vielen verschiedenen Komponenten, etwa aus Schwellen, Befestigungssystemen, aus einem Unterbau. Diese Komponenten greifen ineinander und beeinflussen sich gegenseitig. Der Systemgedanke heißt: Wir produzieren nicht einfach einzelne Komponenten und liefern sie aus. Wir schauen auf das ganze System und fragen uns zunächst: Wofür wird das Produkt genutzt? Wo kommt es zum Einsatz? Wie können wir das System optimieren? Erst danach betrachten wir die einzelnen Produktionsschritte. Was uns noch wichtig ist, ist der Fokus auf die Kund:innen und wie wir sie bestmöglich im realen Einsatz unterstützen können.

Welche Vorteile bringt dieser Systemansatz für Bahnbetreiber:innen?

Wenn das Eisenbahnsystem optimal funktioniert, wird es für den Personenverkehr und den Gütertransport attraktiver. Im Hinblick auf das System als Ganzes schwingen auch einige indirekte Effekte mit. Es gibt weniger Langsamfahrstellen durch Baustellen. Das bedeutet, dass der Zug weniger bremsen und beschleunigen muss, was wiederum den Energieverbrauch und die damit verbundenen CO2-Emissionen reduziert. Reduzierte Wartungs- und Instandhaltungsmaßnahmen haben ähnliche Effekte. Wenn wir das System leistungsfähiger und zuverlässiger machen, erhöhen wir Kapazitäten und Nachhaltigkeit – noch bevor wir über unsere eigenen Produktionsprozesse sprechen.

Warum ist der Lebenszyklusansatz in der Bahnbranche so entscheidend?

Im Eisenbahnsektor spielen Life Cycle Costs (LCC) eine zentrale Rolle. Es geht darum, Kosten über den gesamten Lebenszyklus zu optimieren. Parallel dazu betrachten wir die Umweltauswirkungen mit dem Life Cycle Assessment (LCA). Diese Methode bewertet die Umweltleistung von Produkten und Services entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Wir schauen hier konkret auf: Rohstoffe & Materialien, Energieeinsatz, eigene Produktionsprozesse, Ressourcenbedarf, Transport & Einbau, Nutzungsphase und Lebensende. Besonders wichtig ist die Nutzungsphase. Hält ein Produkt doppelt so lange, können sich die Emissionen über den Zeitraum praktisch halbieren, weil weniger Neuproduktion notwendig ist.

Es gilt immer zu beachten: Ein Produkt mit geringeren Emissionen ist in der Herstellung nicht automatisch nachhaltiger. Wenn es frühzeitig ausfällt, entstehen neue Produktions- und Entsorgungsaufwände – inklusive Baustellen und Stillständen. Und: bereits im Produktdesign denken wir an das Lebensende. Welche Materialien verwenden wir? Was lässt sich wiederverwenden? Auch das optimiert die Kreislaufwirtschaft. 

Wie setzt voestalpine Railway Systems das Thema Wiederverwendung konkret in der Praxis um?

Ein Paradebeispiel für Wiederverwendung ist das Weichenwerk Wörth in Niederösterreich, ein Gemeinschaftsunternehmen der voestalpine Railway Systems und der ÖBB. Dort werden Altweichen aus dem Hauptnetz zurückgenommen, aufbereitet, geprüft und weiter brauchbare Komponenten in Nebenstrecken mit geringerer Belastung weiter genutzt. Auch hier haben wir wieder den Systemgedanken. Ich habe ein Bahnnetz mit höher belasteten und weniger belasteten Bereichen. Gerade in den weniger belasteten Bereichen bietet sich die gezielte Weiterverwendung von geeigneten Altweichen anstelle von neu produzierten Weichen an.

Welche Bedeutung hat Kreislaufwirtschaft für nachhaltige Gleissysteme?

Bei Kreislaufwirtschaft geht es um zwei zentrale Aspekte. Zum einen der ökologische Aspekt. Kreislaufwirtschaft reduziert den Bedarf an Neumaterial. Stahl kann zum Beispiel wieder eingeschmolzen werden. Damit sparen wir uns den CO2-intensiven Herstellungsprozess für Roheisen, das zuerst unter Einsatz von Koks aus Eisenerz gewonnen werden muss.

Zum anderen spielt der strategische Aspekt eine Rolle. Europa ist nicht gerade eine rohstoffreiche Region. Mit Ausnahme des Erzbergs in der Steiermark werden Erze größtenteils aus anderen Kontinenten bezogen. Je mehr Neumaterial wir produzieren, desto mehr Rohstoffe brauchen wir. Das macht uns abhängiger bei der Beschaffung. Ein gewisser Anteil an Neumaterial wird versorgungstechnisch bedingt auch zukünftig notwendig bleiben. Parallel dazu werden aber auch funktionierende Kreisläufe entscheidend sein, um ökologische Vorteile zu verstärken, strategische Risiken zu reduzieren und eine resiliente Rohstoffbasis für nachhaltige Gleissysteme zu schaffen.

Über den Experten

Christian Aichberger ist seit 2021 Teil von voestalpine Railway Systems. Dort ist er für den Bereich Produktnachhaltigkeit und Lebenszyklusanalysen in der Nachhaltigkeitsabteilung von voestalpine Railway Systems zuständig. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Team sowie die Möglichkeit, stets an zukunftsrelevanten Themen zu arbeiten, begeistern ihn besonders.